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30 août 2008 6 30 /08 /août /2008 06:56

Onze medewerker prof. dr. Piet Tommissen publiceerde op de website van het Internationale Otto Gross Gesellschaft e.V. (www.ottogross.org/) een artikel over Mieke de Loof. Hij ging vriendelijk in op het verzoek zijn opstel hier te publiceren.

 

4. Mai 2008 - Ich war völlig überrascht, als ich in der Namensliste der Damen und Herren, die am 4. Internationalen Otto Gross Kongreß in Graz (24.-26. Oktober 2003) teilgenommen haben, auf den Namen einer Landsmännin stieß:  "Mieke de Loof, Antwerpen" [1]. Da ich mich für Gross interessier(t)e und sogar behilflich sein konnte bei der Zusammenstellung seiner gedruckt vorliegenden (inzwischen längst überholten) Bibliographie [2] entschloß ich mich kurzerhand, diese Dame zu kontaktieren. Es war allerdings keine Sinekure, ihre Adresse und Näheres über ihre Person ausfindig zu machen. Gottlob war Herr Henri-Floris Jespers (geb. 1944), Herausgeber der Zeitschrift Mededelingen (Antwerpen), deren Mitarbeiter ich bin, behilflich. Am 18. Januar 2006 war ich endlich in der Lage, mich brieflich mit Frau de Loof in Verbindung zu setzen. Seitdem sind mehrere, teilweise recht interessante Briefe gewechselt worden und am 16. Januar 2007 zu einer Begegnung gekommen.

Dank dieser Kontakte erfuhr ich, daß Frau Mieke de Loof am 3. Oktober 1951 in der flämischen Kleinstadt Aalst als Tochter eines Arztes geboren wurde und in Löwen erfolgreich Soziologie und Philosophie studiert hat. Sie wurde 1978 von der Universität Antwerpen mit einem Spezialstudium (der Arbeitsunfälle) beauftragt und 1981 als Dozentin eingestellt. Ein Jahr früher hatte sie ein Bühnenstück mit und für Jugendliche marokkanischer Herkunft geschrieben. Und 1982 verfaßte sie mit ihrem Vater ein Buch über die Folgen eines Atomkrieges [3].

Um die tagtägliche Wirklichkeit kennen zu lernen, war Frau de Loof ab 1987 fünf Jahre nebenberuflich als Chauffeur tätig und hat ab 1992 am Wochenende in einer Antwerpener Nachtkneipe gearbeitet. Außerdem lernte sie Kyokushin-karateka. 1998 nahm sie jedoch ihren Abschied als Dozentin, um voll und ganz ihren schriftstellerischen Neigungen nachgehen zu können. Sie plante zunächst eine Biographie der Schwester des von ihr bewunderten Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Gretl Wittgenstein (1882-1958). Aus diesem Grunde hat sie Wien wiederholt besucht.

Abermals bewährte sich jedoch das Sprichwort: "Der Mensch denkt, Gott lenkt“. In Wien wurde Frau de Loof klar, daß Mittel-Europa im allgemeinen und die Hauptstadt der k.u.k. Monarchie im besonderen zwischen 1913 und 1918 das Laboratorium Europas gewesen sind. Hier wurde in politischer, künstlerischer, wissenschaftlicher Hinsicht tüchtig experimentiert. Sie ließ das Projekt Gretl Wittgenstein fallen und konzipierte eine siebenbändige Krimiserie.

In einem Interview hat sie ihr Ziel folgendermaßen genau umschrieben: "Dasjenige, was mir mit dem ganzen Zyklus vor Augen steht, ist eine Untersuchung über die Archäologie der Macht. Wie funktioniert Macht? Ist jemand in der Lage sie umzugestalten, bis in die Perversität, ohne sich dessen bewußt zu sein?"[4] In einem anderen Interview hat sie auch ihr Arbeitsverfahren unzweideutig enthüllt: "In der Malerei, z.B. im Falle der flämischen Primitiven, werden viele Farbschichten angebracht: So gehe ich auch vor. Jeder Band ist eine Schicht. Nach der siebten Schicht hat man ein gutes Bild des habsburgischen Reiches jener Zeit."[5]

Dazu gehört Forschung: Jeder Band erfordert mehrere Monate Sucharbeiten in Archiven, sowie Versuche, sich in der Atmosphäre bestimmter Gebäude bzw. Einrichtungen einzuleben. Übrigens lernte Frau de Loof im Jahr ihrer Entscheidung für die Literatur (1998) sowohl Otto Gross als auch Erich Mühsam (1878-1934) kennen. Und zwar in der von Harald Szeemann (1933-2004) zusammengestellten Ausstellung "Austria im Rosennetz. Visionäres Österreich“, die im Palast der Schönen Künste (jetzt: Bozar) in Brüssel gezeigt wurde. Diese Entdeckung hatte zu Folge, daß sie - wie bereits oben gesagt - zur Gross-Tagung in Graz gepilgert ist.

Nach ihrer Rückkehr in Antwerpen hat sie sich an die Arbeit gesetzt und den ersten Band ihrer Serie geschrieben. Das Grazer Zentralthema, d.h. das Vater-Sohn-Verhältnis, ist in diesen Roman unmittelbar eingegangen, indem die erdrückende, ja stickige patriarchalische Gesellschaft jener Zeit an Hand der Hauptperson und ihres Opfers im Mittelpunkt steht.

Er spielt sich 1913 in Wien ab. Der Jesuit und als Geheimagent ausgebildete Kasveri Ignatz von Oszietsky erhält von seinem Provinzial, Pater Hermann Wolf, den Auftrag, an Ort und Stelle herauszufinden, warum der am Hof der Habsburger tätige katholische Spion nicht länger zuverlässig ist und eine Gefahr darstellt. Kasveri ist in mancher Hinsicht ein Originaltyp: Er raucht keine Pfeife und trinkt kein Bier, sondern begnügt sich mit den vom Jesuiten Baltasar Gracián y Morales (1601-1650) gesammelten Maximen, dem nach 1945 in West-Europa viel gelesenen Handorakel.

Es ist nicht möglich, die Erlebnisse des Paters Kasaveri, die Schachzüge der aktiven jüdischen Meisterspionin Fürstin Elisabeth von Thurn, die Handlungen anderer Personen, d.h. das Intrigenspiel zusammenzufassen. Demgegenüber geht es nicht an, die Anwesenheit von Vater und Sohn Gross zu ignorieren: Es ist ja wohl zum ersten Mal, daß sie in einem Kriminalroman ihre Aufwartung machen! Dass Kasaveris eingebaute Rekonstruktion im großen und ganzen den Fakten entspricht, möge der nachfolgende Abschnitt beweisen [6].

Während eines Besuches in Graz bittet der Vater den befreundeten Kasaveri seinem Sohn seine angeblichen Wahnideen auszureden. Der gibt nicht nach und begibt sich zu dem befreundeten Ehepaar Margot und Franz Jung. Eine Kontaktperson erzählt Kasveri, daß Freund Otto gefährdet ist. Er entschließt sich zu einer Intervention, um die Pläne des Vaters zu hintertreiben. Er trifft aber zu spät in Berlin ein, denn Otto war gerade von der Polizei verhaftet worden. Etwas später drückt Peter Provinzial ihm ein Exemplar der Pariser Tageszeitung Le Figaro in die Hand und liest den Protestartikel des französischen Schriftstellers Blaise Cendrars (1887-1961).

Mit dem Erscheinen des Erstlings der Frau de Loof ist ein neuer Wind in der flämischen Thrillerliteratur zu spüren. Er hat es wohl seiner Originalität zu verdanken, daß ihm der begehrte Preis Hercule Poirot zu Teil wurde. Der von der Jury gefaßte Beschluß ist kaum beanstandet worden, einzig ernsthafter Vorwurf war die spürbare Erudition, die als die eherne Folge der Ausbildung der Autorin gedeutet wurde. Der Roman ist im selben Jahr (2004) zweimal nachgedruckt worden - der beste Beweis, dass er auf fruchtbaren Boden gefallen war.

Im zweiten Roman fehlt Otto Gross. Wenigstens unmittelbar, denn nicht umsonst spielt die Geschichte sich in der ehedem modernsten Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke Steinhof ab, dem derzeitigen Otto Wagner Spital. Einerseits wurden geisteskranke Mitglieder adliger Familien luxuriös und Geisteskranke aus niedrigeren Schichten kümmerlich gepflegt, andererseits tüchtig Therapien ausprobiert, vom Schlammbad bis zum Elektroschock. Aus der Sicht von Frau de Loof handelte es sich um den am besten geeigneten Ort, um Personen zu skizzieren, die in der Welt des Wahns leben [7].

Es ist erwähnenswert, daß die Autorin in dieser Anstalt Freunde und Feinde der vom Monsignore Umberto Benigni (1862-1934) zur Bekämpfung des sog. Modernismus aus der Taufe gehobenen erzkatholischen Geheimorganisation Sodalitium Pianum zusammenführt. Sie verfügten über eine Geheimschrift (die Roich) und versteckten sich hinter Pseudonymen. Diese Organisation wurde am 8. Dezember 1921 vom Pabst Benedikt XV. (= Jakob della Chiesa; 1854-1922) aufgehoben.

Im nächsten Band der Serie soll der Maler Egon Schiele (1890-1918) seine Aufwartung machen, in einem späteren Band (wahrscheinlich der fünfte) die Pflegeanstalt zum zweiten Male als der zentrale Ort der Geschehnisse fungieren und Otto Gross wiederum präsent sein. In welcher Eigenschaft er auftreten wird, ist vorläufig ein Geheimnis. Als Psychiater, als Patient, als Patient-Psychiater? Frau de Loof verweigert die Aussage. Es steht allerdings fest, daß die Essenz der Vorfälle wichtiger sein wird als die komplizierten Plots der beiden ersten Bücher und die historische Annäherung einer philosophischen (existentenziellen?) weichen muss. Die Autorin verspricht, ihrem Leitmotiv in jedem weiteren Band die Treue zu halten: "Nichts ist, wie es anmutet und hinter allem lauern Doubletten."[8], oder anders formuliert: Wahrheit und Lüge durchkreuzen sich andauernd, so dass es außerordentlich schwierig ist, die Quintessenz der Realität herauszuschälen.

Zu guter Letzt möchte ich noch unterstreichen, daß Frau de Loof keine wissenschaftlichen Traktate, sondern Krimis schreibt. Darum darf sie sich gelegentlich eine Verdrehung der historischen Wahrheit erlauben. In einem recht informativen Nachwort zum zweiten Band zitiert sie ein schönes Beispiel: sie führt Julius Wagner Jauregg (1857-1940) als Direktor der Heilanstalt Steinhof an, obwohl er es nie gewesen ist [9].


[1] Albrecht Götz von Olenhusen (geb. 1935) und Gottfried Heuer (geb. 1944) (Hrsg.). Die Gesetze des Vaters. 4. Internationaler Otto Gross Kongress, Marburg: LiteraturWissenschaft.de, 2005, 497 S.; cf. S. 490.

[2] Raimund Dehmlow (°1952) und G. Heuer (Hrsg.), Otto Gross. Werkverzeichnis und Sekundärschrifttum, Hannover: Laurentius Verlag. 1999, 108 S.; cf. S. 94.

[3] Jef de Loof en Mieke de Loof, En niemand hoort je huilen (= Und kein Mensch hört dich weinen), Löwen: Kritak, 1982, 107 S.

[4] Jooris van Hulle, "Mieke de Loof over haar 'geestelijke' misdaadliteratur", in Tertio (Antwerpen), 8. Jahrg., 24. Januar 2007, S. 11

[5] Inneke von den Bergen, Interview Mieke de Loof. "Literatur is antidotum tegen fundamentalisme", in: De Volkskrant (Holland), 13. Oktober 2006, S. 25.

[6] M. de Loof, Duivels offer (= Satanisches Opfer), Antwerpen: House of the Books, 2004, 174 S.: cf. S. 71-77 (Gespräche mit Hans Gross), 89-96 (Unterhaltung mit Otto Gross), 148-152 (Verhaftung von Otto Gross), S. 168-170 (Aktion zugunsten von Otto Gross).

[7] M. de Loof, Labyrinth van de waan (= Labyrinth des Wahns), Antwerpen: House of the Books, 2006, 205 S. - 2007 ist eine korrigierte Neuauflage erschienen.

[8] M. de Loof, ob. cit. (FN 6), S. 14.

[9] M. de Loof, op. cit. (FN 7), S. 211-215; cf. S. 212.

 

Über den Autor: Prof. Dr. phil. Piet Tommissen, Brüssel. Zu den wissenschaftlichen Werken u.a. zu Pareto, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Otto Gross cf. Bibliographie, S. 263 - 317 (etwa 500 Titel) in: Liber amicorum Piet Tommissen, La Hulpe: Apsis 2000, 319 S.

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